Montag, 27. September 2010

Goto:23 Meteor Street

Die Wortliebe von low-budgie schickte mich auf nerdige Mission: "Suche und fotografiere das Haus (fiktive Adresse: 23 Meteor Street, Tufnell Park, London), in dem Tim, Daisy, Marsha, Amber und Brian in Spaced wohnen - und zwar sehr sehr *unauffälligst*."

Keine einfache Aufgabe ist das. Ich war äußerst dankbar dafür, dass der Mission einige Wegweiser zu den Tiefen der TV-Serien-Fansites mitgeliefert waren. Achso, Spaced war übrigens eine britische Sitcom, die Ende der Neunziger lief. Simon Pegg und Jessica Hynes spielen zwei Singles, die sich als gutbürgerliches Pärchen ausgeben, um eine relativ günstige Wohnung (für Londoner Verhältnisse - wie gut ich das verstehen kann) im gruseligen Haus der dem Alkohol sehr zugeneigten Vermieterin Marsha zu ergattern. In der Serie wirkt das Haus immer gleichzeitig düster und überbelichtet; als Beweis folgende Screencaps aus den Untiefen des Webs:


[http://www.nuttyxander.co.uk/spaced/]
Und unter irgendeinem Blogpost fand sich auch ein Kommentar, der andeutete, die wahre Adresse des Hauses sei 23 Carleton Road in Islington, Haltestelle Northern Line/Tufnell Park. Nach einigem Herumsuchen stellte sich dies als die reine Wahrheit heraus. Leider kam gerade, als ich das Haus endlich erspäht hatte und sehr neugierig stierte, der Besitzer aus der Tür und stierte ungeniert zurück. Ich verdrückte mich, unauffällig pfeifend, auf eine Bank gegenüber, bis er auf seinem Motorrad davongerauscht war. Und dann machte ich mein Foto. Whooooo!

Mission erfüllt, inklusive Groupie-Bauchkribbeln.
Und als kleines Schmankerl: Wer ist der fiktive Besitzer dieser Ladenansicht?

Mittwoch, 22. September 2010

Goto:Portobello Road

Miss Carrie forderte: "Erstens würde ich gerne wissen, ob George Orwells Haus an der Portobello Road immer noch zum Verkauf steht - das müsstest du also finden. Und zweitens, wenn du schon mal in der Gegend bist und zufälligerweise Hunger auf Falafel hast, dann könntest du dich ganz bis ans Ende zu "Falafel King" stehlen, Minzlimonade trinken, dem mürrischen Besitzer beim Hummus-Umrühren zugucken und verbotenerweise heimlich ein Foto von ihm schießen."

Auf der Portobello Road war früher schon mal, aber das ist schon was her, und außerdem war damals Winter. Also hab' ich meinen Wochenendbesuch unter den Arm geklemmt und bin losgezogen.
Zum ersten Teil des Auftrags: Ich hab George Orwells Haus extra vorher gegoogelt (wenn auch nicht sehr ausführlich), und ich hab auch wirklich danach geguckt, ich SCHWÖRE, aber dann war alles so bunt und lustig und irgendwie wurde ich abgelenkt. Ich habe es nicht gefunden, Miss Carrie. Verzeih' mir.
Allerdings hatte ich definitiv Hunger auf Falafel, sehr großen sogar, von Anfang an. Was der Auftrag allerdings unerwähnt ließ, war die Tatsache, dass die Portobello Road sehr lang ist. Seeehr lang. Und dass Falafel King wirklich ganz am anderen Ende ist. Und dass man sich auf dem Weg dorthin an gefühlt kilometerlangen Reihen von exotisch aussehenden, appetitlichen duftenden Gemüse-, Obst- und Imbisssständen vorbeiquälen muss. Mein Besuch wurde mit jedem Schritt grummeliger, aber irgendwann hatte die Folter dann ein Ende.

Falafel King verkauft genau ein Gericht: Falafel. Das dafür aber ordentlich. Über den Tresen gereicht wurden uns unsere heißen, serviettenumhüllten Päckchen von freundlichen jungen Frauen - ich konnte also auch den zweiten Teil meines Auftrags nicht zufriedenstellend ausführen. Statt des erhofften mürrischen Besitzers habe ich stattdessen dann meine wunderbare und erlösende Mahlzeit abgelichtet, die war sicher auch fotogener.

Und dann habe ich auf der Portobello Road noch gefunden, was ich auf dem Camden Market vermisst habe: einen echten Flohmarkt, der Kleidung verkauft, die secondhand ist, nicht vintage. Die nach alten Frauen und Dachboden riecht und kaum etwas kostet.

Jetzt bin ich um ein Kleidchen und die Erinnerung an den Geschmack aromatischer Knusperfalafelbällchen reicher. Danke, Miss Carrie.

Sonntag, 12. September 2010

Goto:Camden Market

Meine Freundin Laura befahl mir: "Gehe Sie zu Camden Market und lasse Sie alles auf sich wirken! Mache Sie Fotos, das kann Sie gut! Ich war da vor einigen Jahren mit dem Englandsprachkurs und es war eine der schönsten Erfahrungen der Welt. Dort ist alles so bunt, vor allem die Hautfarben der Anwesenden... da sitzen sie alle herum, und ich habe alte Nirvanakassetten gekauft."

So soll es sein. Wenn ich mal vorsichtig rechne, dann dürfte Lauras Erfahrung wirklich schon etwas länger zurückliegen, ohne ihr zu nahe treten zu wollen. Mal sehen, ob es heute immer noch so schön ist.
Ein bißchen abschreckend wirkte schon die Planung meiner Sonntagsunternehmung: Die Tube-Station Camden Town ist jeden Sonntagnachmittag für den Zutritt von außen geschlossen, man kann also nur aus- oder umsteigen. Das liegt daran, dass jedes Wochenende eine halbe Million Menschen den Camden Market besuchen, die die enge Station heillos überfordern. Diese Vorstellung macht mir etwas Angst - aber so leicht lasse ich mich nicht einschüchtern.
Der Camden Market besteht aus mehreren Einzelmärkten, alle sollen Kleidung, Möbel, Second-Hand-Bücher und Handwerk verkaufen. Schön ist es ja schon mal, so direkt am Kanal.

Und schon der erste Kleiderstand lässt mein Herz höherschlagen.

Aber sobald man um die nächste Ecke biegt, kommt einem etwas falsch vor. Diese Handvoll Kleider verkauft, absolut identisch, jeder zweite Stand. Sie sind perfekt auf ihr Hipsterpublikum abgestimmt. Für jede Zielgruppe gibt es eine vorgefertigte Produktpalette. Für die Indierocker, für die Goths, für die Rastafarians, für die Kitschliebhaber, für die Esoteriker, für die Cyber-Clubkids, und für die simplen Touristen. Alles sieht nicht nur gleich aus, sondern ist gleich, an jeder zweiten Ecke, immer zum gleichen Preis, immer unverschämt hoch, immer mit aufdringlichen, unangenehmen Verkäufern, die genau durchschaut haben, was die Besuchermassen wollen. Es macht keinen Spaß.

Versteht ihr, was ich meine? Nichts davon ist echt. Es ist wie in der Matrix, alles ist ein Déjà-Vu. Und es hinterlässt einen unangenehmen Nachgeschmack. Hier verkauft niemand Nirvanakassetten. Das wäre viel zu persönlich.
Ich flüchte aus den Marktgassen und stelle fest, dass es etwas abseits der Besuchermassen weniger schlimm wird. Das ist eine wirklich prachtvolle Glyzinie.

Und diese bunte und inhaltsschwere Raubkatze ist das letzte, was ich von Camden sehe, als ich mich in den Untergrund rette.

Nein, Laura, Camden Market ist nicht mehr das, was es vielleicht einmal war. Aber einen interessanten Tag hatte ich trotzdem.

Samstag, 11. September 2010

Goto:Bloomsbury

Annes Befehl lautete: "You need to go to the British Museum, and then decide that the museum bores you and you prefer spending the day walking through Bloomsbury. Bonus point if you sit on a bench and read a novel by Virginia Woolf."

Darauf wäre ich selbst wahrscheinlich nicht gekommen, aber umso besser. Von Brixton bis Tottenham Court Road gönnte ich mir die Tube und ging dann zu Fuß zum British Museum. Eigentlich hätte ich es mir ja denken können, aber es hat mich trotzdem umgehauen, wie gigantisch und erhaben das Gebäude ist.

Da ich ja nicht viel Zeit dort verbringen durfte, entschied ich mich relativ zufällig für einen der dutzende Ausstellungsbereiche. Meine Wahl fiel auf das antike Mexiko, wo ich diesem attraktiven jungen Mann begegnete.

Ein mit Türkisen besetzter menschlicher Schädel. Man kann den Azteken einen gewissen Sinn für Humor nicht absprechen.
Eigentlich hätte ich ja zu diesem Zeitpunkt schon gelangweilt sein müssen, aber ich stellte fest, dass ich meine alte Schwärmerei für Ägypten immer noch nicht überwunden hatte und stattete den Mumien noch einen kurzen Besuch ab. Danach war es aber auch wirklich gut.
Die Häuser in Bloomsbury sehen aus wie in gewissen romantischen Komödien mit breitmäuligen Hollywood-Darstellerinnen.

Bei einem Straßenhändler kaufte ich mir einen Jumbo-Hotdog, natürlich überteuert, aber wie hätte ich an diesen Zwiebeln vorbeigehen sollen?

Mein Würstchen verspeiste ich auf einer Bank am Bloomsbury Square. Dort las ich dann auch die letzten Seiten meines Buchs zu Ende. Es war allerdings von Jonathan Lethem, nicht von Virginia Woolf. Ich hoffe, dass ich den Bonuspunkt trotzdem bekomme.

Und weil es ganz in der Nähe lag, bin ich auf Eigeninitiative dann noch ins Cartoonmuseum gegangen, wo ein Original von Charles M. Schulz hängt. Ich bin Woodstock näher gekommen als je zuvor.

Das war mein erster ausgeführter Befehl. Morgen folgt der zweite.

Goto:London

Wenn ich an einem besonders interessanten, schönen oder neuen Ort bin, passiert es mir oft, dass ich mit der ganzen Pracht so überfordert bin, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, und stattdessen einfach zu Hause bleibe. So war es heute morgen mit London. Ich sitze auf meinem Futon, kraule den schwarzen Kater, habe endlich meine erste von einigen 40-Stunden-Wochen hinter mir und weiß beim besten Willen nicht, was ich machen soll. Das ist nicht gut. Wenn ich stattdessen daheim gesessen hätte, hätte ich mir wahrscheinlich gewünscht, in einer aufregenden Stadt zu sein, eben wie London. Der Geistesblitz kam, als ich mit meiner Freundin Anne aus Paris redete. Sie war neidisch auf mich, und ich fühlte mich schuldig, weil ich es eigentlich so gut hatte und nichts daraus machte. Deswegen bat ich sie, mir mitzuteilen, was sie tun würde, wenn sie jetzt in London wäre, und das würde ich dann an ihrer Statt machen.
Was dabei herauskam, steht im nächsten Post. Und weil es ziemlich gut funktioniert hat, mache ich das jetzt interaktiv. Ihr sagt mir, was ihr in London machen würdet, und ich werde es tun. Jeder darf einmal, das gilt auch für die stummen Leser (falls ich überhaupt welche habe).
Befehle bitte an leonielondon@googlemail.com.
Die Regeln: Meine Mission muss innerhalb der Stadtgrenzen von London bleiben und möglichst nicht zu weit in den Norden gehen.
Es kann etwas sein, das ein paar Minuten dauert, oder auch einen halben Tag, die Dauer ist ganz egal - ich mache das, was ihr schon immer mal machen wolltet.
Es sollte halbwegs bezahlbar bleiben. Etwas bestimmtes zu essen kaufen oder in ein Museum gehen, ist in Maßen in Ordnung. London Eye oder Madame Tussaud's: Nicht. Leute, eine Fahrt mit dem blöden Riesenrad kostet 18 Pfund! Da könnt' ich mich ja... egal, wo waren wir?
Keine Klischees wie "Fish&Chips essen" oder "die Wachen vorm Buckingham Palace zum Lachen bringen". Zweiteres vor allem deshalb nicht, weil es mir zu peinlich ist.
Das war's an Regeln. Schickt mich los, ich freu' mich drauf!

Heimspiel: London (I)





Mittwoch, 8. September 2010

Der Tomatenmarkschrein

Mein örtlicher Supermarkt, ein kleiner Sainsbury's, hat viele Vorteile, die ich sehr zu schätzen weiß. Er ist gut gelegen, direkt an meiner Bushaltestelle. Er verfügt über einen Grabbeltisch, auf dem Strongbow- und Carlsberg-Dosen wegen kleiner Kratzer auf 99p reduziert sind. Er verkauft eine Eigenmarke, die erfrischend selbstkritisch ist ("Ground Coffee - all different beans, still a great blend" oder "Chicken Roll - nothing fancy, just something to pack out a sandwich").
Was ich allerdings nicht mag, ist die Art, Tomatenmark zu verkaufen.
Falls jemand es zuhause nachmachen will, hier das Rezept für Pasta à la Sainsbury:
1. Setzen Sie schonmal Nudelwasser auf, damit Sie später mehr Stress haben.
2. Braten Sie die Zwiebeln an und pfeifen Sie dabei gemütlich ein Lied.
3. Geben Sie auch die restlichen Zutaten in die Pfanne sowie die Nudeln ins kochende Wasser.
4. Greifen Sie sich Ihre winzige, niedliche Sainsbury's-Tomatenmark-Konserve aus dem Schrank.
5. Stellen Sie fest, dass die Dose über keine Lasche verfügt.
6. Versuchen Sie, den Dosenöffner korrekt zu betätigen. Scheitern Sie.
7. Entledigen Sie sich Ihres Pullovers, denn jetzt geht es grob zur Sache.
8. Hacken Sie mit einer Küchenschere ein Loch in den Dosendeckel.
9. Ruinieren Sie die Schere endgültig, indem Sie versuchen, besagtes Loch schneidend zu vergrößern.
10. Werden Sie sich bewusst, dass in die entstandene scharfkantige Öffnung nie und nimmer ein Löffel passt und das Tomatenmark sich auch durch Schwerkraft partout nicht herausbewegen lässt.
11. Blamieren Sie sich mithilfe eines Essstäbchen und seien Sie froh, dass nur die Katze zuschaut und innerlich lacht.
12. Genießen Sie Ihre Mahlzeit.

Samstag, 4. September 2010

Live von der Insel

Der Wasserkessel pfeift. Ich trinke PG Tips und esse ungetoastetes Weißbrot, und meine neue Handynummer fängt mit +44 an.

Ich bin in London und werde in nächster Zeit hier wieder öfter schreiben.